ZusammenfassungIm Sommer 1924 wurde meine älteste Tochter typhuskrank. Es konnte nicht ermittelt werden, woher die Ansteckung kam, aber der Typhus starb in Weiz niemals aus. 1930 traten 60 Fälle der Krankheit auf, eine erschreckend große Zahl an einem kleinen Ort. Alle möglichen Vermutungen nach dem Erreger der Infektion tauchten auf: einige Leute wurden als Bazillenträger angesehen, die neue Wasserleitung wurde angeklagt, ebenso das städtische Bad, ein offener Zweig des Weizbaches wurde verdächtigt und die Einwölbung dieses Kanals gefordert. Die Projekte, die Hilfe bringen sollten, waren sehr kostspielig, und die Landesregierung sollte die Mittel aufbringen. Sie sandte einen ärztlichen Sachverständigen, der die Fälle aufmerksam untersuchte und nach genauer Prüfung der Lokalitäten, in denen der Typhus aufgetreten war, zum Schluß kam, daß es weder an der Wasserleitung noch an den anderen Gewässern liegen könne. Er schickte eine Pflegerin nach Weiz. Niemand war damit zufrieden, in Weiz gab es genug Pflegerinnen und Arzte. Aber sechs Monate später hatte der Typhus aufgehört. Die Pflegerin, eine taktvolle und verschwiegene Frau, arbeitete vollkommen unaufdringlich. Sie sprach vertraulich mit jeder Person, bei der die Möglichkeit bestand, daß sie ein Bazillenträger sei, und belehrte sie, wie sie sich reinigen und verhalten müßte, um die Weiterverbreitung der Infektion zu verhindern, im Falle daß sie wirklich eine Bazillenträgerin wäre, und zeigte ihr, daß sie bei richtigem Verhalten ihren Beruf ruhig fortsetzen könne. Alle Leute. die mit dem Melken und der Milchlieferung zu tun hatten, die Köchinnen in Speisehäusern, die Angestellten von Lebensmittelläden wurden von ihr besucht und belehrt und niemand war beleidigt. Obwohl hinter ihr keine staatliche Macht stand, hatte sie vollen Erfolg. Die Pflegerin schied so unauffällig wie sie gekommen war und der Typhus kam nicht wieder.